Kolkraben – Meister der Intelligenz im Rabenhorst

von
Kolkraben
Foto: J.C.Salvadores // Adobe Stock
Kolkraben sollen so schlau sein wie Affen - dies wurde mit einer Art IQ-Test getestet. Das Ergebnis war klar: Kolkraben sind smarter als bisher gedacht.

Der Begriff Spatzenhirn hat endgültig ausgedient. Die Intelligenzleistungen von Kolkraben sind vergleichbar mit denen unserer nächsten Verwandten, der Schimpansen und Orang-Utans, obwohl das Rabenvogel-Gehirn viel kleiner ist und gerade mal 15 Gramm wiegt. Aber die kognitive Leistungsfähigkeit eines Gehirns hängt nicht von seiner Größe ab, sondern von der Anzahl und Dichte der darin verpackten Nervenzellen. Hierbei können Rabenvögel locker mithalten. Sie bestehen Intelligenztests, die für Menschenaffen gedacht sind, und schneiden dabei in fast allen Bereichen ähnlich gut ab wie diese. Das hat ein Team unter der Leitung der Verhaltensbiologin Simone Pika von der Universität Osnabrück nachgewiesen. Die Forschenden ließen acht Kolkraben im Alter von 4 bis 16 Monaten eine ganze Serie von Intelligenztests durchlaufen, die zur sogenannten Primate Cognition Test Battery gehören, einer Art IQ-Test für Affen. So gab es diverse Hütchenspiele, bei denen die Vögel herausfinden mussten, unter welchen Behältern sich Futterhappen verstecken. Dabei fungierte das Team manchmal als Tippgeber, zeigte entweder auf die richtigen Becher oder blickte intensiv in die entsprechende Richtung.

Verfügen Kolkraben über eine „Theory of Mind“?

Ein Tier, das solche Hinweise verstehen kann, beweist bemerkenswerte kognitive Fähigkeiten: Es nimmt die Signale einer anderen Spezies nicht nur wahr, es interpretiert sie auch korrekt und kann sie dann nutzen. Was die Forschenden allerdings verblüffte, war das nicht ganz so gute Abschneiden der Vögel bei räumlichen Intelligenztests. Und das, wo Raben doch wahre Flugakrobaten sind und sich andauernd damit beschäftigen, welche Artgenossen sich wo aufhalten. Denn die Vögel haben ein stark ausgeprägtes Konkurrenzbewusstsein. Sie stehlen sich gegenseitig Futter, verbergen kunstvoll ihre Beute vor Artgenossen, täuschen sogar Futterverstecke vor, wo keine sind. Genau dieses rabentypische Verhalten, so das Team, könnte das maue Abschneiden bei den räumlichen Intelligenztests aber vielleicht erklären: Es ist möglich, dass die Vögel die Forschenden während der Experimente als Futterkonkurrenten ansahen – und absichtlich falsch reagierten, um ihre wahren Absichten zu verbergen. Was wiederum ziemlich schlau wäre.

Diese Verhaltensbeobachtung legt nahe, dass Kolkraben über eine Art „Theory of Mind“ verfügen, also die Fähigkeit, Absichten, Wissen und Glauben anderer zu verstehen und vorherzusagen. Diese Fähigkeit ist bei Tieren selten und galt lange Zeit als einzigartiges Merkmal der menschlichen Intelligenz, doch Raben und andere hochentwickelte Tiere durchbrechen diese Annahme. Ein weiteres überraschendes Merkmal der Kolkraben-Intelligenz ist ihre Fähigkeit zur Antizipation und Planung. In Experimenten konnten Raben lernen, Werkzeuge für späteren Gebrauch aufzubewahren und sich zu beherrschen, wenn dies bedeutet, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt eine größere Belohnung erhalten. Diese Erkenntnisse stützen die Theorie, dass Raben nicht nur auf ihre unmittelbaren Bedürfnisse reagieren, sondern auch zukunftsorientierte Entscheidungen treffen können.

Kolkraben sind soziale Tiere mit großen kognitiven Leistungen

Die Forschungen der Osnabrücker Gruppe deuten darauf hin, dass wir das Verhalten der Raben nicht nur im Kontext von Laborbedingungen verstehen müssen. Beobachtungen in der freien Natur zeigen, wie Raben bei der Futtersuche Zusammenarbeit und komplexe Kommunikation praktizieren. So zeigen sie ihren Artgenossen manchmal Orte mit reichen Futterquellen oder warnen sie vor Gefahren. Diese Form der Kooperation und Informationsweitergabe ist ein Hinweis darauf, dass ihre Sozialstruktur weit anspruchsvoller ist, als früher gedacht. Besonders beeindruckend ist auch ihre Fähigkeit zur Nachahmung und Anpassung. In einigen Regionen haben Kolkraben gelernt, in Teams zu arbeiten, um Müllbeutel zu öffnen oder Nahrung aus verschlossenen Behältern zu extrahieren. Solche Verhaltensweisen lassen Rückschlüsse auf erhebliche kognitive Flexibilität und Lernfähigkeit zu. Sie passen sich an die Gegebenheiten der sie umgebenden Welt an und zeigen, dass Lernen für sie ein lebenslanger Prozess ist.

Abschließend lässt sich festhalten, dass die Intelligenz von Kolkraben unsere Wahrnehmung, wie Intelligenz im Tierreich verteilt und manifestiert ist, stark verändert hat. Ihr Gehirn mag zwar klein sein, doch ihre kognitiven Leistungen sind beachtlich. Sie fordern unsere Vorurteile heraus und regen eine neue Wertschätzung für die mentale Welt der Vögel an. Was wir von den Kolkraben lernen, könnte sehr wohl dazu dienen, unsere eigenen kognitiven Fähigkeiten in einem neuen Licht zu sehen und die Komplexität des Denkens über die menschlichen Grenzen hinaus zu verstehen.

Sarah arbeitet als Wissenschaftsjournalistin, unter anderem für „P.M.“ und „National Geographic“. Zum Journalismus kam sie über ihr Studium Modejournalismus/Medienkommunikation in München und Berlin. Auf ihrem beruflichen Weg sammelte sie auch Erfahrungen im Bereich Film und Fernsehen sowie im Marketing. Ihre Interessen liegen vor allem im Tierschutz, Feminismus und in der Kunst – und natürlich im Entdecken von spannenden Geschichten.