Ist das Waldsterben in Deutschland schlimmer als gedacht?

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Waldsterben
Foto: sonjanovak // Adobe Stock
Satellitenbilder zeigen das Ausmaß des Waldsterbens in Deutschland - die Zahlen sind schlimmer als bisher angenommen.

Wälder zählen zu den wertvollsten Ökosystemen der Erde. Sie sind nicht nur Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, sondern auch bedeutende Sauerstoffproduzenten, Klimaregulatoren und Kohlenstoffspeicher. In Deutschland stehen die Wälder vor großen Herausforderungen: Krankheiten, Klimawandel und menschliche Aktivitäten setzen ihnen zu und führen vielerorts zu einem Phänomen, das als Waldsterben bekannt ist.

Das Waldsterben in Deutschland hat eine Vielzahl von Ursachen. Ein bedeutender Faktor ist der Klimawandel, der zu einer Zunahme von extremen Wetterereignissen wie Dürren, Starkregen und Stürmen führt. Insbesondere lang anhaltende Trockenperioden schwächen die Bäume und machen sie anfälliger für Schädlinge und Krankheiten, wie das Beispiel des Borkenkäfers zeigt, der in geschwächten Fichtenbeständen großen Schaden anrichten kann. Weitere Ursachen sind Schadstoffeinträge durch Industrie, Verkehr und Landwirtschaft, die zu Bodenversauerung und Nährstoffmangel führen können. Luftschadstoffe wie Schwefeldioxid, Stickoxide und Ozon schädigen die Blätter und Nadeln der Bäume und beeinträchtigen ihre Vitalität. Zudem bedrohen Monokulturen, in denen über lange Zeit nur eine Baumart kultiviert wird, die Stabilität und Resilienz der Wälder. Durch den Mangel an Diversität sind diese Wälder weniger in der Lage, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen und Schädlinge sowie Krankheiten zu bekämpfen.

Satellitenbilder zeigten das Ausmaß des Baumschadens in Deutschland

Es sind hochgradig alarmierende Zahlen, veröffentlicht vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR): Innerhalb von knapp dreieinhalb Jahren, von Januar 2018 bis April 2021, sind fast fünf Prozent der gesamten deutschen Waldfläche verloren gegangen. Insgesamt handelt es sich um einen Verlust von rund 501 000 Hektar, das ist fast anderthalbmal die Fläche von Mallorca. Die Forschenden des DLR griffen für ihre Untersuchung auf die Daten zweier Erdbeobachtungssatelliten zurück, die auch Baumschäden auf kleinen Flächen sichtbar machen und nicht nur großräumige Verluste abbilden. Offenbar kann der jährliche Waldzustandsbericht des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft solche umfassenden Daten nicht liefern. Der Bericht des Ministeriums stütze sich auf Stichproben festgelegter Beobachtungsflächen, heißt es in der Veröffentlichung des DLR.

Bislang kannten wir daher also nicht das exakte Ausmaß des Waldsterbens. Das DLR hat für seine Untersuchung die Daten der Satelliten »Sentinel-2« der Esa und »Landsat 8« der Nasa genutzt. Und dabei festgestellt, dass vor allem die Mitte Deutschlands vom Waldsterben betroffen ist: Regionen in der Eifel, im Sauerland, im Harz sowie in Thüringen und der Sächsischen Schweiz. In einigen Landkreisen sollen rund 66 Prozent des Fichtenbestands verloren gegangen sein. Denn vor allem die Nadelwälder erweisen sich als wenig resistent gegen Schädlingsbefall, sie erholen sich davon weit schlechter als Laubbäume.

Und so kommt dann eines zum anderen: Die Fichten-Monokultur der vergangenen Jahrzehnte kann der Erderhitzung mit ihren Dürrejahren kaum etwas entgegensetzen. Dies wiederum schafft ideale Bedingungen für den Borkenkäfer, einen der Hauptbaumschädlinge. Aber auch Laubbäume wie Eiche, Buche und Bergahorn sind massiv geschädigt. Das DLR schätzt, dass das Ökosystem Wald noch Jahrzehnte brauchen wird, bis es sich wieder regeneriert. Was allerdings auch nur dann gelingen kann, wenn rasche und effektive Schutzmaßnahmen ergriffen werden – auf der Grundlage umfassender Daten.

Das Waldsterben hat Auswirkungen auf Klima und Biodiversität

Die Folgen des Waldsterbens sind weitreichend. Zum einen verlieren Tiere und Pflanzen ihren Lebensraum, was zu einem Rückgang der Biodiversität führt. Zum anderen nehmen die Funktionen des Waldes als Kohlenstoffspeicher und Sauerstoffproduzent ab, was wiederum den Klimawandel verstärken kann. Und nicht zuletzt haben auch die Menschen unter den Veränderungen zu leiden: Die Qualität des Grundwassers kann abnehmen, die Bodenerosion zunehmen, und auch das lokale Klima wird durch das Fehlen von Wäldern beeinflusst. Auch der wirtschaftliche Schaden, den das Waldsterben mit sich bringt, ist nicht zu unterschätzen. Insbesondere die Forstwirtschaft ist betroffen, da kranke und abgestorbene Bäume nicht als Holz verkauft werden können oder ihre Qualität und dadurch ihr Wert deutlich gemindert sind.

Um das Waldsterben einzudämmen und die Resilienz der Wälder zu stärken, sind vielfältige Ansätze nötig. Eine Schlüsselstrategie liegt in der Förderung von Mischwäldern, die eine höhere ökologische Stabilität aufweisen. Zudem sind ökologische Forstwirtschaftspraktiken, die langfristig die Gesundheit der Wälder im Blick haben, entscheidend. Auch auf politischer Ebene sind Maßnahmen wesentlich, etwa strengere Emissionsvorschriften für Industrie und Verkehr, eine nachhaltige Landwirtschaft und die Unterstützung von Forschungsinitiativen, die innovative Lösungen zur Anpassung der Wälder an den Klimawandel entwickeln. In Deutschland wurden zudem Förderprogramme auf den Weg gebracht, um Waldbesitzer bei der Wiederaufforstung und der Umstellung auf eine nachhaltigere Forstwirtschaft zu unterstützen.

Sarah arbeitet als Wissenschaftsjournalistin, unter anderem für „P.M.“ und „National Geographic“. Zum Journalismus kam sie über ihr Studium Modejournalismus/Medienkommunikation in München und Berlin. Auf ihrem beruflichen Weg sammelte sie auch Erfahrungen im Bereich Film und Fernsehen sowie im Marketing. Ihre Interessen liegen vor allem im Tierschutz, Feminismus und in der Kunst – und natürlich im Entdecken von spannenden Geschichten.