Schaden zu viele Geheimnisse unserer Psyche?

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Human, Person, Finger
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Ein Geheimnis zu hüten ist eigentlich nicht schwer. Doch wenn wir uns dafür schämen, entwickelt es in unserem Kopf ein Eigenleben.

Viele Studien zeigen, dass Menschen, die Geheimnisse mit sich herumtragen, mit erhöhter Wahrscheinlichkeit an Depressionen und Angstzuständen leiden und im Durchschnitt auch körperlich weniger gesund sind. Doch warum ist das so? Zum einen: Weil es viel Energie kostet, sein Geheimnis nicht auszuplaudern. Eigentlich würde man gerne darüber reden, tut es aber nicht. Zum anderen scheint uns ein Geheimnis auch innerlich zu verfolgen. Es kommt uns immer wieder in den Sinn, ob wir wollen oder nicht.

Wenn uns jemand Geheimnisse erzählt, kann das belastend sein

Eine aktuelle Studie fand heraus: Diese inneren Begegnungen mit einem Geheimnis sind etwa anderthalbmal häufiger als deren aktive Unterdrückung in einem Gespräch. Bestimmte Emotionen spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Forscher untersuchten 1000 Menschen, die insgesamt rund 6000 Geheimnisse mit sich herumtrugen. Als besonders belastend für die Probanden erwiesen sich dabei Geheimnisse, die mit Scham verbunden waren. Scham bedeutet, sich selbst für »wertlos und unbedeutend« zu halten, schreiben die Autoren. Diese Emotion machte es um fast 60 Prozent wahrscheinlicher, gedanklich immer wieder von seinem Geheimnis heimgesucht zu werden.

Nicht das Verheimlichen, sondern mit dem Geheimnis zu leben lastet auf der Seele

Interessant ist, dass sich die Probanden am Ende eines Monats offenbar gar nicht mehr erinnerten, wie oft sie zu dem Geheimnis zurückkehrten. Wenn man die Tageswerte hochrechnet, kommt man auf mehr als sechzig Momente pro Monat, in denen sie daran dachten. Nach rund vier Wochen erinnerten sie sich aber nur noch an weniger als fünf.

Doch was hilft gegen schambesetzte Geheimnisse? Für die Wirksamkeit von mindestens drei Strategien gibt es wissenschaftliche Belege: sich jemandem anvertrauen – etwa im Rahmen einer Therapie. Regelmäßige Meditation. Und Übungen in Selbst-Mitgefühl. Dabei behandelt man sich selbst wie einen alten Freund und fragt sich: Was würde diesem Freund guttun? Wie sie mit dem Geheimnis umgehen sollen, fällt vielen Menschen dabei wie von selbst ein.

(Text: Jochen Metzger)

Der Text ist in P.M. Fragen & Antworten Ausgabe 09/2020 erschienen.

Sarah arbeitet als Wissenschaftsjournalistin, unter anderem für „P.M.“ und „National Geographic“. Zum Journalismus kam sie über ihr Studium Modejournalismus/Medienkommunikation in München und Berlin. Auf ihrem beruflichen Weg sammelte sie auch Erfahrungen im Bereich Film und Fernsehen sowie im Marketing. Ihre Interessen liegen vor allem im Tierschutz, Feminismus und in der Kunst – und natürlich im Entdecken von spannenden Geschichten.