Welcher Parasit ersetzt einen Körperteil seiner Opfer?

von
Amphiprion, Animal, Sea Life
Foto: © imago images/Ardea
Eine parasitäre Assel arbeitet sich bis in die Mundhöhle seiner Opfer vor, ersetzt dort die Zunge – und erfüllt auch ihre Funktionen

(Text: Jan Berndorff)

Als Paul Poli aus Tostre in Wales vor einigen Jahren seinen im Supermarkt erworbenen amerikanischen Wolfsbarsch zerlegen wollte – er hatte ihn am Stück gekauft –, staunte er nicht schlecht. Aus dem Maul des stattlichen Fisches schauten ihm plötzlich zwei Äuglein entgegen. Sie gehörten einer Meeresassel der Spezies Cymothoa exigua. Dieses bis zu drei Zentimeter lange, parasitär lebende Krebstier dringt als Larve meist über die Kiemen in den Wirtsfisch ein. Von dort arbeitet es sich bis in die Mundhöhle vor und hakt sich mit seinen Klauen am Grund der Zunge fest. In der Folge ernährt sich die Assel vom Blut der Zungenarterie und wächst heran. Die Zunge stirbt aufgrund der Blutarmut ab.

Doch der befallene Fisch muss nicht ohne Zunge leben, denn die Assel nimmt nun deren Platz ein und erfüllt auch die Funktionen der Zunge – etwa bei der Verarbeitung der Nahrung, wovon die Assel sich fortan aber immer eine Portion abzweigt. Auch die Paarung findet in der Mundhöhle des Fisches statt. Die Asseln sind Hermaphroditen – das heißt, sie können ihr Geschlecht wechseln: Solange sie noch im Meer herumschwimmen und sich in den Fischkiemen festsetzen, handelt es sich um Männchen.

Der Parasit verwandelt sich an der Fischzunge in ein Weibchen

Mit zunehmendem Wachstum an der Fischzunge verwandeln sie sich jedoch in Weibchen. Und wenn sie ausgewachsen sind, paaren sie sich mit anderen Männchen, von denen in der Regel noch ein paar an den Kiemen sitzen. Die Larven starten dann wieder frei schwimmend in ihr Leben und machen sich auf die Suche nach einem neuen Wirt – meist sind das Fische aus der Familie der Schnapper, aber auch Wolfsbarsche und Clownfische gehören zu den häufigeren Opfern der Meeresassel.

Cymothoa exigua kommt vornehmlich im östlichen Pazifik zwischen dem Golf von Kalifornien und Ecuador vor. Der Parasit ist die einzige bekannte Tierart, die einen Körperteil eines anderen Tieres komplett ersetzen kann.

Der Artikel ist in der Ausgabe 10/2021 von P.M. Fragen & Antworten erschienen.

Sarah arbeitet als Wissenschaftsjournalistin, unter anderem für „P.M.“ und „National Geographic“. Zum Journalismus kam sie über ihr Studium Modejournalismus/Medienkommunikation in München und Berlin. Auf ihrem beruflichen Weg sammelte sie auch Erfahrungen im Bereich Film und Fernsehen sowie im Marketing. Ihre Interessen liegen vor allem im Tierschutz, Feminismus und in der Kunst – und natürlich im Entdecken von spannenden Geschichten.