Seit wann gibt es Kunststoff?

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Foto (C): Visum
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Kunststoffe, auch Plastik genannt, können formbar, elastisch, bruchfest oder hart sein. Doch seit wann gibt es Plastik eigentlich?"

Bereits in der Steinzeit dickten Menschen Birkenharz durch stundenlanges Kochen ein und nutzten das so gewonnene Pech als Alleskleber – für Materialforscher ist das der älteste bekannte Kunststoff überhaupt. Mit ihm befestigten die frühen Jäger zum Beispiel Steinspitzen an Pfeilen. Später kamen weitere Materialien dazu, die heute zu den Kunststoffen zählen: Die Sumerer etwa dichteten ihre Bauwerke mit Asphalt ab, in Südamerika spielten Männer bereits vor 3500 Jahren mit Gummibällen, und im antiken Indien wurden viele Alltagsgegenstände aus Schellack produziert.

Das älteste deutsche Rezept für die Herstellung von Kunststoff stammt aus dem Mittelalter: 1530 beschrieb der Benediktinermönch Wolfgang Seidel ein durchsichtiges Material, »schön wie Horn«. Gleichzeitig sei es erstaunlich stabil, berichtete der Hobby-Alchemist: »Man kann damit Tischplatten, Trinkgeschirr und Medaillons gießen, also alles, was man will.«

Seine Anleitung zur Herstellung dieses wundersamen Materials beginnt überraschend: »Nimm einen Ziegenkäse und lass ihn einen ganzen Tag lang sieden.« Seidel hatte Casein-Kunststoff produziert, ein Kunsthorn aus Milchproteinen. Noch heute lässt sich das mittelalterliche Plastik vereinzelt finden – bei Herstellern von Stricknadeln oder Füllfederhaltern ist es wegen seiner feinen Marmorierung beliebt.

Um die Umwelt zu schonen, sollte Plastik möglichst vermieden werden

Doch längst führen Kunsthorn und Schellack ein Nischendasein, genauso wie die anderen Vorläufer des Plastikzeitalters: das Zelluloid und die Vulkanfiber auf der Basis von Zellstoff beispielsweise. Oder das Bois durci (»gehärtetes Holz«), das aus Tierblut und Holzmehl hergestellt und für verzierte Luxusgegenstände gebraucht wurde. Ersetzt wurden sie durch moderne Kunststoffe, meist vollsynthetische Polymere, von denen wir heute viel zu viel produzieren und damit die Umwelt belasten. Sie setzten sich erst im 20. Jahrhundert durch, als Makromoleküle chemisch entschlüsselt wurden.

(Text: Jenny Niederstadt)

Der Text ist in P.M. Fragen & Antworten Ausgabe 08/2020 erschienen.

Sarah arbeitet als Wissenschaftsjournalistin, unter anderem für „P.M.“ und „National Geographic“. Zum Journalismus kam sie über ihr Studium Modejournalismus/Medienkommunikation in München und Berlin. Auf ihrem beruflichen Weg sammelte sie auch Erfahrungen im Bereich Film und Fernsehen sowie im Marketing. Ihre Interessen liegen vor allem im Tierschutz, Feminismus und in der Kunst – und natürlich im Entdecken von spannenden Geschichten.